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16.09.2020 Meinung

Nvidia nimmt alle auf den ARM

Mit einem riesigen Paukenschlag wurde am vergangenen Montag offiziell verkündigt, dass Nvidia den Chipentwickler ARM für 40 Milliarden Dollar übernimmt. Bereits am Wochenende schlugen die Gerüchte hoch und waren das bestimmende Thema in der Tech-Branche. Diese Übernahme wird vermutlich das alles bestimmende Ereignis in 2020 sein, welches uns auch noch in Zukunft reichlich beschäftigen wird. Dabei ist die Übernahme aus unserer Sicht äußerst kritisch zu bewerten.

Das britische Unternehmen ARM Limited, welches derzeit noch zur japanischen Firma Softbank gehört, ist DER Anbieter von IP-Lösungen im Bereich mobiler Mikroprozessoren. Die sogenannte ARM-Architektur, wird durch Lizenzen an unzählige Unternehmen weltweit verkauft, sodass diese damit ihre eigenen Chips modifizieren und bauen können. Diese, als äußerst stromsparend geltenden Chips, kommen heute in nahezu allen Smartphones, Tablet’s und sonstigen mobilen Geräten zum Einsatz. Viele Unternehmen konnten so schnell, effizient und kostengünstig eigene Lösungen für Ihre Produkte entwickeln und auf die Unabhängigkeit des Anbieters ARM vertrauen. Dieses Vertrauen könnte nun aber auf einen Schlag zerstört werden und zu erheblichen Verwerfungen in der Branche führen. Dazu gleich mehr.

Zunächst noch ein paar Worte zum Unternehmen Nvidia. Das Unternehmen wurde 1993 gegründet und konnte innerhalb kürzester Zeit zu einem der bedeutendsten Anbieter von Grafikkartenlösungen im privaten und geschäftlichen Bereich in der IT aufsteigen. Die Grafikkarten des Unternehmens gelten heute als die leistungsstärksten und energieeffizientesten ihrer Klasse. Größter Konkurrent in diesem Bereich ist die Firma AMD mit ihren RADEON Grafikkarten. Neben diesen Produkten zeigte sich in den letzten Jahren zunehmend, dass die Grafikkarten von Nvidia im besonderen Maße auch für den Servermarkt interessant sind und hier zum Erfolg der künstlichen Intelligenz beitragen können. Dies führte zu einer Vervielfachung der Umsätze und sehr guten Geschäftsergebnissen. Einzig der mobile Markt war bisher von geringer Bedeutung für das Unternehmen, trotz intensiver Bemühungen.

Mit der Aqkuirierung der Firma ARM hätte Nvidia also auf einem Schlag nicht nur ein Fuß in der Tür, sondern würde zu einem beherrschenden Unternehmen im mobilen Markt werden. Die Ambitionen sind also aus Unternehmenssicht durchaus nachvollziehbar. Aus einem ehemaligen Kunden wird so ein Anbieter. Ehemalige Konkurrenten werden zu Kunden. Das wird den meisten Unternehmen aus vielerlei Hinsicht Unbehagen bereiten. Nvidia bekommt so detaillierten Einblick in die Entwicklungen anderer Unternehmen und kann außerdem kostengünstiger eigene Lösungen entwickeln. Nvidia beteuert zwar, dass das Geschäftsmodell von ARM beibehalten wird, aber ein bitterer Beigeschmack bleibt allemal. Viele der bisherigen Kunden werden sicher intensiv nach möglichen Alternativen suchen und vermutlich in der Open-Source Architektur RISC-V fündig werden. Dies würde zumindest auch zukünftig ein hohes Maß an Unabhängigkeit bedeuten.

Ein weiterer Aspekt ist im derzeitigen Handelsstreit der beiden Großmächte USA und China zu suchen. Die USA setzen und setzten China in den vergangenen Monaten durch Zölle, aber auch durch Verbote zur Nutzung von technologischen Entwicklungen aus den USA unter Druck. All dies, um ein weiteres Aufstreben der Volksrepublik zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen, da China in den letzten Jahren immer mehr Ambitionen zeigte, die USA als führende Wirtschaftsmacht abzulösen. Sowohl militärisch als auch wirtschaftlich geraten die USA so immer mehr in Zugzwang, wenn sie ihre Vorreiterrolle nicht verlieren wollen. Dies führt auf der anderen Seite zu immer mehr Bemühungen sich von den USA weiter unabhängig zu machen. Momentan gibt es jedoch kein Vorbeikommen an dominierende Technologien aus dem Westen. Sei es in der Chipentwicklung und Fertigung, aber auch bei führenden Anwendungen im Bereich Software und Internet der Dinge. Die wichtigsten Anbieter sind hier die Unternehmen Google und Apple. Beide Unternehmen vereinen nahezu 100% des Marktes auf sich, zumindest in den westlichen Volkswirtschaften.

Durch die Integration von ARM in das amerikanische Unternehmen Nvidia würde man so wirtschaftlich aber auch politisch den Hardwaremarkt kontrollieren können. Sollten auch hier weitere Verbote seitens der USA ausgesprochen werden, würde dies gerade chinesische Unternehmen, abgeschnitten von Hard- und Softwarelösungen, um Jahre zurückwerfen. Momentan existieren keine alternativen Lösungen in China, die in den westlichen Märkten akzeptiert werden würden. Auch hier wäre zwar ein ausweichen auf die RISC-V Initiative möglich, würde aber einen erheblichen Rückschritt bedeuten.

Im Interesse zukünftiger Innovationen bleibt zu hoffen, dass diese Maßnahmen so nicht getroffen werden. Vieles wird aber davon abhängen, wie die Wahl des nächsten amerikanischen Präsidenten in diesem Jahr ausgeht und welche Strategien die USA zukünftig verfolgen. Der Fall Huawei zeigt jedoch eindrucksvoll, über welche Macht die Vereinigten Staaten derzeit im technologischen und wirtschaftlichen Bereich verfügen. Mit einer freien Entwicklung der Märkte hat dies freilich nichts zu tun. Aber im „(Chip)-Krieg“ müssen nun mal Opfer gebracht werden.

Die Übernahme der Firma ARM durch Nvidia ist nach unseren Informationen aber noch von der Zustimmung mehrerer Kartellämter und Behörden weltweit abhängig. Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. Es darf an dieser Stelle auch bezweifelt werden, dass die Übernahme im Interesse der Chinesen ist und hier auf Zustimmung stösst. Es bleibt also noch ein großes Fragezeichen und aus unserer Sicht Grund zur Hoffnung auf eine weitere Unabhängigkeit der Firma ARM.